Vor Kurzem ist die zweite (französische) Auflage des Lehrmittels Pyramidenmodell erschienen, das aktualisiert und um ein spezifisches Screening-Tool zur Risikobewertung bei Situationen häuslicher Gewalt ergänzt wurde. Das Werk soll dabei helfen, einzuschätzen, ob eine Situation dem kantonalen Bedrohungsmanagement gemeldet werden sollte.
Die Prävention von Straftaten, insbesondere von Gewaltdelikten, hat in der Aufgabenerfüllung der Strafverfolgungsbehörden einen grossen Stellenwert. So verfügen mehrere Kantone bereits über ein Bedrohungsmanagement, während andere derzeit mit dem Aufbau eines solchen befasst sind.
Für die Früherkennung von heiklen Gefährdungssituationen ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung. Die Einschätzung des Risikos und die Einleitung geeigneter Massnahmen können das Eskalationspotenzial oftmals entschärfen. Sowohl für Polizistinnen und Polizisten als auch für das Personal staatlicher Behörden und Einrichtungen, die regelmässig mit Gefährderinnen oder Gefährdern zu tun haben (häusliche Gewalt, Radikalisierung, psychische Störungen usw.), stellt eine erste Einschätzung des Risikos, dass eine Straftat effektiv begangen werden könnte, einen entscheidenden, aber nicht immer einfachen Schritt dar.
Um diese Berufsgruppen bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, hat Raoul Jaccard, Leiter des Psychologischen Dienstes der Kantonspolizei Neuenburg, das SPI-Lehrmittel Pyramidenmodell (2021) verfasst. Die französische Version des Werks wurde vor Kurzem aktualisiert, die italienische Version erscheint im Sommer. Dabei wurde sie leicht überarbeitet und insbesondere um ein neues Screening-Tool (Früherkennung/Triage) ergänzt: die Pyramide Erstintervention bei häuslicher Gewalt (PEHG). Das Tool wurde von Raoul Jaccard mit der Expertise von Dr. Aurélien Schaller, Projektgruppenleiter am Gesundheitsamt des Kantons Neuenburg, entwickelt. In Anlehnung an die allgemeine Pyramide wurde die PEHG eigens für Situationen häuslicher Gewalt konzipiert, in denen eine Wiederholungstat oder sogar ein Tötungsdelikt in der Ehe oder im engeren Familienkreis zu befürchten ist.
Neben der Weiterbildung von Polizistinnen und Polizisten sowie von Mitarbeitenden staatlicher Stellen dürfte das Lehrmittel aufgrund seiner Inhalte auch für weitere Zielgruppen von Interesse sein, etwa für Anlaufstellen für die Opferhilfe, Stellen für die Betreuung von Täterinnen und Tätern, für die Sozialarbeit oder auch für Bildungseinrichtungen.
Nur die französische Version erscheint derzeit in einer zweiten Auflage, im Sommer 2026 folgt die italienische Ausgabe. Die deutsche Version basiert vorerst weiterhin auf der ersten Auflage aus dem Jahr 2021, die nur die allgemeine Pyramide umfasst. Falls deutschsprachige Institutionen ein Interesse bekunden, kann diese jedoch ebenfalls angepasst werden.