Radikalisierung und Extremismus sind komplexe Phänomene, die nicht nur Einzelne, sondern auch Organisationen betreffen können. Am 26. März 2026 brachte das SPI anlässlich seines Kolloquiums in Bern Polizeiangehörige und -forschende zusammen, um über diese hochaktuellen Themen zu sprechen.
Nachdem das Kolloquium 2024 den polizeilichen Laufbahnen und Berufswegen gewidmet war, hat das SPI für die diesjährige Ausgabe den Themenkomplex der Radikalisierung und deren Relevanz für Sicherheitsberufe gewählt. Das Kolloquium knüpfte so an das Projekt «Lehren aus dem (inter-)nationalen Sicherheitsverbund für die Vorbeugung von Radikalisierung und Extremismus im Schweizer Polizeiwesen» an, das vom Schweizerischen Polizei-Institut in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Basel-Stadt und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt wird. Dieses beleuchtet das komplexe Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Radikalisierung über den Zeitraum von April 2025 bis März 2026.
Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der Radikalisierung luden zur differenzierten Auseinandersetzung mit den zahlreichen Herausforderungen in diesem Zusammenhang ein.
In seinem Vortrag «Vorurteile, Verschwörungsmentalität und Demokratiezufriedenheit von Polizeiaspirantinnen und -aspiranten im Längsschnitt – Ergebnisse einer schweizweiten Studie» ging Prof. Dr. Dirk Baier auf die an der ZHAW durchgeführte Längsschnittstudie ein. Darin wurde erforscht, wie sich die Einstellungen angehender Polizistinnen und Polizisten zwischen dem Ausbildungsbeginn und dem eigentlichen Einstieg in die berufliche Praxis entwickeln. Als Hauptgrund für Intoleranz (wie Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie) wird vor allem eine von Verschwörungstheorien geprägte Denkweise genannt, welche teilweise bereits zu Beginn der Ausbildung vorhanden ist. Die Konfrontation mit der Berufsrealität erkläre jedoch nicht alles: Die Polizei habe beispielsweise nicht häufiger mit Personen zu tun, die homosexuell sind. Umso wichtiger sei es daher, diese Variable nicht zu überschätzen und das Phänomen weiter zu untersuchen, so das Fazit von Dirk Baier.
Die beiden darauffolgenden Referate nahmen zwei Studien im Rahmen des Nationalen Aktionsplans (NAP) zur Verhinderung und Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus in den Fokus.
Im ersten Referat präsentierten Prof. Dr. Jonas Hagmann (FHNW) und Dr. Silvia Staubli (Universität St. Gallen) ein Forschungsprojekt, das im vergangenen Jahr bei der Kantonspolizei Basel-Stadt durchgeführt wurde und dem bisher kaum erforschten Thema der Radikalisierung und des Extremismus innerhalb des Schweizer Polizeiwesens gewidmet war. Meldungen über eine extremistische Gruppierung von Polizeiangehörigen in Deutschland und eine Gruppe von Corona-Skeptikern in der Schweizer Polizei nahmen die Forschenden zum Anlass, die in der Schweiz bisher kaum bekannten Formen von Radikalisierung näher zu beleuchten und geeignete Präventionsinstrumente zu entwickeln.
Ausgehend von einer Analyse der Medienberichterstattung über existierende Fälle, von Befragungen mit Expertinnen und Experten sowie einer Zusammenarbeit mit fünfzehn Polizeikorps identifizierte die Studie mehrere Risikofaktoren. Dazu zählen der so genannte «Praxisschock», belastende Arbeitsbedingungen, Personalmangel sowie eine Polizeikultur, die von Korpsgeist, Gruppenzwang und einer schwachen Fehlerkultur geprägt ist. Präsentiert wurden auch die Erkenntnisse der Nachbefragungen, die nach Projektende durchgeführt wurden, um die konkrete Wirkung auf die betroffenen Polizeikorps zu evaluieren.
Die zweite Präsentation von Dr. Signe Ghelfi und Elisa Gaia (Schweizerisches Polizei-Institut) behandelte die Erkennung und Prävention von Radikalisierung im weiter gefassten Umfeld von Schweizer Sicherheitsorganisationen und ausländischen Polizeikorps. Die Referentinnen ordneten das Problem im breiteren Kontext globaler Krisen ein, welche die Sicherheit der Schweiz bedrohen (religiöser Terrorismus, Desinformation, politische Radikalisierung).
Anhand von Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern schweizerischer und deutscher Sicherheitsorganisationen sowie einer Befragung von sieben Mitgliedsländern der Association of European Police Colleges konnte mit der Studie aufgezeigt werden, dass Deutschland und die Schweiz mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Bemängelt wurde, dass der Radikalisierungsbegriff zu häufig nur auf religiös motivierten Terrorismus bezogen wird, während das Polarisierungsrisiko bei Angehörigen von Sicherheitsorganisationen hauptsächlich im rechtsradikalen Spektrum liegt. Es sei ausserdem häufig schwieriger, Radikalisierung bei einer Kollegin aus der Polizei zu erkennen als bei einem Bürger. Verschärft wird das Problem weiter durch die Angst vor Konsequenzen von internen Meldungen, obwohl eigens dafür vorgesehene Stellen existieren.
Unter den Schweizer Organisationen hat sich die Armee als besonders proaktiv erwiesen, da sie Schulungen und Handreichungen für die Führungsebene sowie die Erstellung psychologischer Profile bei der Vorauswahl der Mitarbeitenden vorsieht. Es wurde ausserdem der Übergang von einer Präventionslogik («Radikalisierung verhindern») zu einer konstruktiven Logik («demokratische Resilienz aufbauen») empfohlen, indem mehr Raum für den Dialog gewährt und die Fehlerkultur von einer positiv geprägten Problemlösungskultur abgelöst wird.
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Die weiteren Beiträge des Kolloquiums brachten Einflussfaktoren zum Vorschein, die für eine Radikalisierung in Organisationen entscheidend sind. Der Sicherheitsexperte André Duvillard legte das Augenmerk auf die Elemente, die eine Radikalisierung in Polizeikorps begünstigen können. Das von Dr. Franziska Hofer (HF Partners) und Kristina Koch (Risiko-Dialog) vorgestellte Forschungsprojekt Ready untersucht Insider-Bedrohungen über einen partizipativen Ansatz, der Erklärungsmuster und Vorurteile innerhalb eines Sicherheitssystems am Beispiel von Flughäfen hinterfragt. Prof. Dr. Hubert Annen (Militärakademie) beschrieb die bei der Armee angebotenen Resilienztrainings, die darauf abzielen, Reflexionsfähigkeiten und den Umgang mit Emotionen bei Führungskräften zu fördern, was die Organisationskultur widerstandsfähiger gegen extremistische Diskurse macht.
Daniel Stein (Stadtpolizei Zürich) sprach über den Umgang mit Racial Profiling in seinem Stammkorps, wo Personenkontrollen mit einer eigenen App aufgenommen und spezialisierte Schulungen angeboten werden, um diskriminierende Praktiken zu stoppen. Insgesamt wurde in dieser Ausgabe des Kolloquiums hervorgehoben, dass Radikalisierungsprävention nicht allein auf der Erkennung problematischen Verhaltens beim Einzelnen, sondern auch auf einem Wandel der Organisationskultur beruhen muss. Indem die Resilienz der Mitarbeitenden gestärkt, systemische Praktiken hinterfragt und die Abläufe transparenter gestaltet werden, können Sicherheitsorganisationen kontextuelle Faktoren reduzieren, die Extremismus begünstigen.
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Zum Abschluss bot eine Podiumsdiskussion den Referierenden und den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich über verschiedene Fragen auszutauschen, die im Laufe des Tages aufgekommen waren: Auf welchen Stufen braucht es gezielte Massnahmen? Wie können Sanktionen mit dem Aufbau einer Kultur in Einklang gebracht werden, die nicht auf Bestrafung oder Tadel beruhen soll? Welche Massnahmen sind besonders geeignet, um Radikalisierung im Polizeiwesen zu bekämpfen? Welche Rolle kann die Wissenschaft dabei spielen? Welches Reibungspotenzial besteht bei Personen, die an der Front arbeiten, und welche weniger sichtbaren Seiten gilt es zu beleuchten?
Die Podiumsdiskussion trug zu einem fruchtbaren Dialog bei, mit dem dieser aufschlussreiche Kolloquiumstag ausklingen konnte.
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